Ansprachen

vom Schulleiter Thomas Winter

zur Entlassung der 10. Klassen

 

Juni 2007

Liebe Schülerinnen und Schüler,

beim Lesen der 3. Mathematikaufgabe der zentralen Prüfungen, an deren Landespremiere ihr die Ehre hattet, teilzunehmen, werdet ihr euch an ein Märchen erinnert haben, das euch in Kindestages vorgelesen oder erzählt wurde... Mir jedenfalls ging es so, als ich las:

Ein menschliches Haar wächst 0,3 mm pro Tag. In einem Märchen wird ein Mädchen in 10 m Höhe in einen Turm gesperrt. Ein Prinz klettert an ihrem Haar hoch. Wie alt müsste das Mädchen mindestens sein, damit sein Haar 10 m lang sein kann?

Ihr habt die Aufgabe gelöst, diesen Märchengedanken in die Realität unserer Tage versetzt, das wirkliche Alter dieser schönen Jungfrau im Turm berechnet und einmal mehr erkannt, wie schön unsere Märchenwelt ist und wie unangenehm es sein kann, aus ihr in die Realität unserer wirklichen Welt zurückgeholt zu werden.

Die schöne Jungfrau im Turm ist nämlich, wie ihr richtig berechnet habt, über 90 Jahre alt.

Versetzen wir uns doch noch einmal zurück in die Märchenwelt dieser Mathematikaufgabe:

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind... Die Leute hatte in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet ward.

Eines Tags stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab. Da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war, und sie ward lüstern, von den Rapunzeln zu essen... Und da sie wusste, dass sie keine davon bekommen konnte, so wurde sie krank und sah blass und elend aus. Da erschrak der Mann und fragte: "Was fehlt dir, liebe Frau?" „Ach", antwortete sie, "wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Hause zu essen kriege so sterbe ich." Der Mann, der sie lieb hatte, dachte: Eh du deine Frau sterben lässt, holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten, was es will...

Und beim dritten Mal stand die Zauberin vor ihm...

"Wie kannst du es wagen", sprach sie mit zornigem Blick, in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekommen!" "Ach", antwortete er, „lasst Gnade für Recht ergehen..."

Und er erzählte ihr von der Not seiner Frau...

Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: "Verhält es sich so, wie du sagst so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst; allein ich mache eine Bedingung: Du musst mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter."

Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als das Kind geboren war, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort. 

Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahre alt war, schloss es die Zauberin in einen Turm, der in einem Walde lag und weder Treppe noch Türe hatte; nur ganz oben war ein kleines Fensterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich unten hin und rief: 

"Rapunzel, Rapunzel,  lass mir dein Haar herunter !" 

Rapunzel hatte lange, prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und dann fielen die Haare tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf. 

Nach ein paar Jahren trug es sich zu, dass der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorüber kam. Da hörte er einen Gesang...

Das war Rapunzel, die sich ihre Einsamkeit vertrieb... Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte nach einer Türe des Turms: aber es war keine zu finden. Er ritt heim. Doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, dass er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte.

Als er einmal so hinter einem Baum stand, sah er, dass eine Zauberin herankam, und hörte, wie sie hinauf rief: 

"Rapunzel, Rapunzel,  lass mir dein Haar herunter !" 

Und den folgenden Tag, als es anfing dunkel zu werden, ging er zu dem Turme und rief:  "Rapunzel, Rapunzel,  lass mir dein Haar herunter !" 

Alsbald fielen die Haare herab, und der Königssohn stieg hinauf...

Der Königssohn fing an, ganz freundlich mit ihr zu reden, und erzählte ihr, dass von ihrem Gesang sein Herz so sehr sei bewegt worden... Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte, ob sie ihn zum Manne nehmen wollte, und sie sah, dass er jung und schön war, so dachte sie: Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gotel und sagte "Ja", und legte ihre Hand in seine Hand.

Sie verabredeten, dass er alle Abende zu ihr kommen sollte, denn bei Tag kam ja die Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis sich einmal Rapunzel verriet...

In ihrem Zorn packte sie die schönen Haare der Rapunzel, schlug sie um ihre linke Hand, griff eine Schere und, ritsch, ratsch, waren sie abgeschnitten... Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte abends die Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und als der Königssohn kam und rief: 

"Rapunzel, Rapunzel,  lass mir dein Haar herunter," so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah. Der Königssohn geriet außer sich vor Schmerzen, und in der Verzweiflung sprang er den Turm herab. Das Leben brachte er davon, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte er blind im Wald umher und wanderte einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei, wo er die Stimme von Rapunzel vernahm. Da ging er darauf zu und wie er herankam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt. 

"Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!"

Dies ist wohl einer der bekanntesten Sätze aus der Märchensammlung der Gebrüder Grimm und, wie immer, haben uns die Märchenbilder etwas zu sagen...

Rapunzel war das Wunschkind der Mutter und gleichzeitig das Eigentum der Hexe. Ein und derselbe Mensch, so berichten die Märchen immer wieder, kann also Mutter und Hexe, d.h. liebevoll und fürsorglich, aber auch zugleich terroristisch, einengend und erstickend sein.

Gut und böse... Die Doppelnatur unseres menschlichen Wesens?

Betrachten wir einmal die Personen, die uns durch diese märchenhafte Geschichte führen:

Da ist der Vater, der sich zunächst liebevoll und verantwortungsbewusst für seine Familie einsetzt, sich sogar zum Wohle seiner schwangeren Frau in Gefahr begibt, während er den Feldsalat stiehlt, schließlich aber als Verlierer dasteht, wenn ihm sein Kind unter den Bedingungen der Hexe, auf die er sich eingelassen hat, fortgenommen wird.

Ferner ist da seine Frau, die durch ein kleines Fenster ihres Hauses im angrenzenden Garten die Kehrseite ihres Wesens sieht, danach handelt und damit beide Rollen in sich vereint.

Die Ankunft des Kindes Rapunzel rettet sowohl den Vater vor der Gefahr, in die er sich begeben hat, als er verbotenerweise die Rapunzelpflanzen stiehlt als auch die Mutter, die ja, wenn sie keine Rapunzeln bekommt, zu sterben drohte.

Sie ist also die Retterin in dieser Geschichte und diese Rolle nimmt sie auch dem Königssohn gegenüber ein, der ja, wie wir schon hörten, durch sie wieder sehend wird.

Der Königssohn ist der lyrische Anteil in diesem Märchen, der Mensch mit der empfindsamen Seele, der von dem Gesang des Mädchens so verzaubert wird, dass er immer wieder zum Turm zurückkehrt und alles versucht, eine Möglichkeit zu finden, zu ihr zu kommen. Wie mit Zauberhänden zieht der Gesang ihrer Sehnsucht, die Melodie ihrer Einsamkeit ihn an. Es ist ein wunderbares Märchenmotiv, dass die Musik die Herzen zweier Liebenden zueinander führt. Noch hat der Königsohn Rapunzel nicht gesehen, aber er lauscht ihrem Gesang. Der Prinzgemahl einer Rapunzel kann unmöglich ein Mann lauter Töne, der mit geräuschvoller Kulisse auftritt, sein. Er muss ein Mensch sein, der die Natur der Wälder versteht und ein Ohr für den Gesang der Sehnsucht hat.

Warum befreit der Königssohn Rapunzel nicht unmittelbar? Er hätte doch schon beim zweiten Besuch im Turm eine Strickleiter mitbringen und mit Rapunzel fliehen können. Oder warum nutzt Rapunzel nicht die Gelegenheit, selbst ihren langen Zopf abzuschneiden, ihn am Fenster anzubinden und an ihm herunterzuklettern?

Ob da nicht doch eine Bindung zur Mutter besteht, die erst durch einen langen Prozess gelöst werden muss?

Und welch großartiges Element ihrer Schönheit würde Rapunzel durch das eigenmächtige Abschneiden ihrer Haarpracht opfern?

Da wendet sich die Märchenerzählung zur Grausamkeit...

Wie so oft im Märchen erfahren wir von unmenschlichen Handlungen und Taten: Die Zauberin ist es, die Rapunzel die Haare abschneidet und sie anschließend verstößt.

Als der Königssohn in der Nacht eintrifft, täuscht sie ihn mit dem Zopf, indem sie ihn nun herablässt und den Königssohn im Glauben lässt, er finde oben im Turm Rapunzel vor.

Und schließlich lässt sie es noch zu, dass sich der Königssohn in die Tiefe stürzt und dabei sein Augenlicht verliert.

Aber was wäre ein Märchen ohne die Wende zum Guten, ohne den erlösenden Schluss, der auch hier den Wunsch des Zuhörers erfüllt, ein gutes Ende zu erfahren.

Auch unser Märchen endet mit den Worten: „ und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt"

Und auch dazu führt wieder etwas wunderbar Märchenhaftes: Die Tränen der Trauer werden zu Tränen des Glücks, als der erblindete Königssohn seine Rapunzel nach Jahren endlich irgendwo wieder findet.

Seine übrigen Wahrnehmungssinne sind gesund, er erkennt Rapunzel wieder an ihrem Gesang, der einst das Band zwischen ihnen so eng geknüpft hat.

Und nun schließt sich der Kreis um Rapunzel:

Wer wird denn beim Zuhören der mathematischen Berechnung Glauben schenken, dass Rapunzel, gemessen an der Länge ihrer Haare, über neunzig Jahre alt ist?

Diese Aufgabe der zentralen Prüfung wird das Bild nicht verwischen können, dass Rapunzel ein junges Mädchen ist, das sich in einen Königssohn verliebt.

Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, habt zwar durch eure richtige Rechnung das logische Alter bestätigt; ich denke aber, dass auch euch die Poesie des Märchens dadurch nicht verloren gegangen ist.

Ihr werdet in den nächsten Jahren manchen Turm erklettern müssen. Ob auf dem traditionellen Weg, der Treppe, oder an einem märchenhaften Zopf...

In beiden Fällen wünsche ich euch eine erfolgreiche Ankunft und keine „böse Überraschung"

Ich wünsche euch alles erdenklich Gute!

Literaturangabe:

vergleiche auch: Eugen Drewermann: "Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter" dtv 2004


Juni 2006

Liebe Schülerinnen und Schüler,

in der Woche vor den Osterferien fanden unsere letzten Musikstunden statt.

Schulinterne Notwendigkeiten einer Stundenplanänderung verhinderten bedauerlicherweise die Fortführung und den Abschluss unserer Unterrichtsreihe, deren Kern euch noch manchen Grund zum Schmunzeln, aber auch einige Denkanstöße und Lebensweisheiten mitgegeben hätte.

Es war ein Stück aus der Welt des Musiktheaters, dessen Anfang euch sicher noch heute wie ein Ohrwurm begleitet: „Oh hätt ich meiner Tochter nur geglaubt..."

Über den zentralen Gedanken dieses Stückes möchte ich heute, am Tag eures Abschieds fabulieren und ich hoffe, dass ich euer Sprungbrett ins Leben damit ein wenig schmücken kann.

Ihr erinnert euch: Es war einmal ein armer Bauer, der hatte kein Land, nur ein kleines Häuschen und eine alleinige Tochter..."

Wenn die Bauerntochter ihrem wenig begüterten Vater zu Beginn der Geschichte vorschlägt, den König um ein Stück Land zu bitten, dann geht es nicht um eine im Gesetz verankerte, rechtsmäßige Forderung, sondern eben um eine Bitte, die sich an die Hoffnung knüpft, dass sich ein Mächtiger ihrer erbarme und ihre Not zu lindern bereit sei.

Schon zu Beginn der Geschichte werden wir also mit einer Machtstruktur konfrontiert.

Die Freude über die Großzügigkeit des zunächst gnädigen Königs wird schnell getrübt:

Als der Bauer auf dem Stück Land einen goldenen Mörser findet und ihn zum Dank dem König bringen will, warnt die kluge Tochter den Vater vergeblich, denn sie ahnt, dass der König mit dem Mörser nicht zufrieden sein wird, sondern auch den Stößel haben will, den der Bauer aber nicht gefunden hat.

Sie kennt das Begehren der Mächtigen, die Willkür dessen, der keine Einschränkung durch das Gesetz kennt.

Und so kommt es ja auch dazu, dass der Vater sich im Gefängnis wieder findet und verzweifelt klagen muss: „Oh hätt ich meiner Tochter nur geglaubt..."

Wir hatten das Stück schon soweit kennen gelernt, dass wir über die Klugheit dieser Tochter bereits einiges wissen:

Der König fordert sie heraus, denn das Geschenk ihres Vaters hätte ja nur dann einen Wert, wenn er als Beschenkter das Gegenstück, den Stößel, selbst liefern könnte.

Mit Einfallsreichtum, weiblicher List, Umgarnungskunst und Selbstbewusstsein stellt sie sich der geistlosen Macht und der Verrücktheit des Königs - und gewinnt...

Anders als in der Märchenvorlage der Gebrüder Grimm verschärft der Komponist noch die Schwierigkeit der Rätsel, deren Lösung der König von der Klugen verlangt.

Zum Beispiel fragt er:

Es kam ein Gast von ungefähr, nit geritten, nit gegangen, nit geflogen daher, und als er kam in das Wirtshaus, da fiel das Haus zum Fenster heraus.

Souverän wird das Rätsel von der Klugen gelöst: Es ist der Fisch im Wasser. Sie versteht die tiefe Bildhaftigkeit der Rätselsprache und die Windungen in dem gedanklichen Labyrinth. Auch die Lösung weiterer Rätsel machen der Klugen keine Probleme:

Es floss ein Mühlenstein auf dem Wasser, da saßen drei Männer drauf. Der eine war blind, der andere lahm, der dritte war nackt, so nackt, dass es knackt. Der blinde Blinde sah einen Hasen, der Lahme, der lief ihm nach und packt ihn, der Nackte steckt ihn in die Tasche.

Als der König sie nach den brillanten Lösungen heiratete und sie zur Königin machte, ahnte sie noch nicht, in welch merkwürdige, ja sogar verrückte Situationen der König sie im Umgang mit seinem Volke bringen würde.

Nun war ihre Klugheit besonders gefragt...

Alle Menschen, mit denen die kluge Bauerntochter im Märchen oder auch in der spannenden Musikvertonung von Carl Orff zu tun hat, sind irgendwie verrückt, naiv oder dumm. Der Vater läuft mit seinem goldenen Mörser zum König und damit, wenigstens vorübergehend, in sein Verderben.

Der König ist unfähig, in seinem Volk Gerechtigkeit und Recht walten zu lassen, immer wieder muss die Königin helfend eingreifen, und mit ihrer weiblichen List und Klugheit stellt sie König in den Schatten.

Als sie schließlich ihren königlichen Gatten wegen eines falschen und dummen Richterspruchs in den Reihen ihrer Untertanen so richtig blamiert, indem sie einem ungerecht behandelten Mitbürger einem Hinweis gibt, wie er sich gegen den falschen Richterspruch wehren kann, gerät der König vor Wut außer sich und verstößt sie wieder.

Aber selbst dabei unterliegt er der List und Klugheit seiner Frau:

Er sagt nämlich - ich zitiere hier aus der Bühnenfassung - :

So also so, so war´s gemeint! Spielst gegen mich und bist mir feind... Lauf hin zu ihm, ich schenk ihn dir, kannst mit dem Gauner durch die Lande ziehn...

zum Kerkermeister in maßloser Wut:

Bring dieses Weib vor meine Tür, die Truhe auch, die Truhe da, die schenk ich ihr! Und das, woran ihr Herz am meisten hängt, das pack sie drein, das sei zum Abschied ihr geschenkt!

Wie reagiert die Kluge?

Mit einem Trunk singt sie ihn in einen tiefen Schlaf und lässt ihn selbst in die Truhe legen und in ihr Bauernhäuschen tragen.

Ist doch er das, woran ihr Herz am meisten hängt...

Hier wird also die Liebe von der Klugen als Argument für die Entführung des Königs genannt...

Ein genialer Schachzug im Verlauf des Märchens und der Musiktheaterfassung...

Und beim Gedanken des Schachzugs möchte ich, liebe Schülerinnen und Schüler, mit einem Bild schließen, das ich euch gern mit auf euren Weg gebe:

Liegt es nicht nahe, beim Spiel dieser Märchenfiguren an ein Schachspiel zu denken, das mit einem Remis endet ?

Wir hören vom König, von der Dame - der Klugen - vom Bauern, vom Läufer und auch vom Turm.

Schachfiguren also, die ein elegantes und kluges, aber auch ein Spiel voller Konflikte und Auseinandersetzungen durchleben.

Wenn eine Schachpartie unentschieden endet, spricht man von einem Remis. Wenn die beiden Spieler also keine Möglichkeiten sehen, denn Gegner matt zu setzen.

Unser König setzt die Kluge nicht matt und in ihrer klugen Schlussentscheidung erreicht sie ein „Unentschieden":

„Lieber Herr König", sagt sie im Märchen, „Ihr habt mir befohlen, ich sollte das Liebste und Beste aus dem Schloss mitnehmen, nun habe ich nichts Besseres und Lieberes als dich, da habe ich dich mitgenommen"

Bemerkenswert ist der Ton in der Anrede: Obwohl doch sie sehr eigenmächtig gehandelt hat, setzt sie die Worte so, dass der König zunächst in seiner alten Rolle angesprochen wird und in ihrem letzten Gedanken, der im Wechsel auf das „Du" gipfelt, ist sie die Liebende...

Oder ist sie die Kluge ?

Carl Orff lässt sein Musiktheater, als der König hier feststellt: „Du bist die Kluge, bist die Klügste..." so enden:

„Sag das nicht" antwortet die Kluge, „Verstellung wars, ich hab mich nur verstellt: Klugsein u n d lieben Kann kein Mensch auf dieser Welt.

Liebe Schülerinnen und Schüler, ich wünsche euch für eure Zukunft stets eine glückliche Hand, geschickte und kluge Schachzüge bei der Gestaltung eurer Zukunft und dass jeder Konflikt in Schule und Beruf remis enden möge...

Alles Gute !

 

Literaturangabe:

vergleiche auch: Brigitte Boothe (Hrsg.) "Macht und Witz im Liebesleben", Würzburg 2004


Juli 2005

Als wir vor wenigen Wochen die Schülerinnen und Schüler der kommenden 5. Klassen in unserer Aula versammelten, um die Klassenbildungen vorzunehmen und ihnen ihre Klassenlehrerinnen vorzustellen, haben wir ihnen eine symbolische Schultüte überreicht.

Die Schultüte gehört seit dem 19.Jahrhundert in Deutschland als Tradition zum ersten Schultag. Gefüllt werden diese komischen spitzen Tüten meistens mit Süßigkeiten, sie werden daher auch in manchen Regionen "Zuckertüten" genannt, aber immer mehr auch mit anderen Kleinigkeiten wie Malstifte, kleine Geschenke usw. Euch, liebe Schülerinnen und Schüler unserer Abgangsklassen möchte ich heute eine Schultüte zum letzten Schultag überreichen, in die ich Euch auch mit einigen symbolischen Geschenken auffüllen möchte.

Eine Schultüte zum letzten Schultag kann ja durchaus den neuen Lebensabschnitt einleiten, an dessen Schwelle Ihr ja nun steht.

Wie bei den Schulanfängern fülle ich zunächst einige Süßigkeiten ein, weil das Leben auch mal bittere Stunden kennt, zu denen es natürlich gleich noch etwas zu sagen gibt...

Mal- und Buntstifte, weil Ihr die bunte Fülle der Welt erfahren sollt...

Eine Lupe, damit ihr die Möglichkeit erhaltet, die kleinen Dinge des Lebens zu sehen und zu achten und ein Radiergummi, damit Euch stets bewusst bleibt, dass man Altes vergessen und immer wieder neu anfangen kann.

Süßigkeiten, weil das Leben auch mal bittere Stunden kennt...

Wie ist das mit den bitteren Stunden des Lebens? Wie stellen wir uns auf sie ein, denn wir alle wissen ja, dass es sie gibt.

Doch können wir ihnen nicht auch mit ein wenig Optimismus begegnen?

Optimismus und Pessimismus sind doch Einstellungen, die bei der Lebensführung eine viel größere Rolle spielen, als wir allgemein annehmen.

Weite Bereiche dessen, was wir Schicksal nennen, sind lenkbar: Im Guten wie im Bösen.

In den USA lief ein geheimer Versuch im Bereich des Gesundheitswesens. Amerikanische Ärzte verschrieben mehreren tausend Patienten statt der üblichen Medikamente so genannte Placebos, Scheinmedikamente, die aus Wasser, Zucker, Farbe und Mehl bestehen und keinerlei medizinische Wirkung haben. Die Placebos verfehlten bei sage und schreibe fast neunzig Prozent der Patienten ihre Wirkung nicht: sie fühlten sich nach der Behandlung wesentlich besser oder sogar geheilt und schworen auf die neue Pille.

Der Optimist, der davon ausgeht, dass er Erfolg hat, ist in 85 Prozent seiner Handlungen auch tatsächlich erfolgreich!

Im Falle der behandelten Patienten zeigte sich die große subjektive Wirkung, wenn die Patienten an die Scheinmedikamente glaubten, wenn sie also eine optimistische Einstellung zu deren Wirkung hatten.

Wenn Optimismus eine suggestive, also beeinflussende Kraft ist, dann ist zu vermuten, dass dies auch für ihren Gegenpart, den Pessimismus zutrifft.

Auch dies ist so gut wie bewiesen. Ärzte und vor allem Psychotherapeuten können von der suggestiven Kraft ein Lied singen. Viele Menschen, die einen Psychotherapeuten aufsuchen, leiden nämlich ganz deutlich unter ihrer pessimistischen Einstellung.

Der Pessimist fühlt sich vom Schicksal zum Pechvogel bestimmt, dem nie etwas gelingt und der Unglück magisch auf sich zieht.

Euch, liebe Schülerinnen und Schüler möchte ich aber zurufen: Werdet Sieger in Eurem eigenen Leben!

Zu den Besten zählt nicht automatisch, wer in letzter Zeit stärker war als ein anderer; denn das wäre nur eine Momentaufnahme. Zu den Besten zählt, wer vollen persönlichen Einsatz bringt - gleichgültig, welchen Erfolg es bringt.

Alles, was in der Welt an Großem erreicht worden ist, wuchs heraus aus dem persönlichen Einsatz von Menschen, die sich rückhaltlos in den Dienst einer großen Idee und eines hohen Zieles stellten. Wer Neues schaffen will, dem steht weder Wissen, noch Erfahrung zur Seite.

Ihm leuchtet allein sein Glaube an die Sache! Aber auch der ist zuerst nur ein Ahnen. Erst im Werk wird dieses Ahnen zum Glauben, zum Selbstvertrauen, das die Nr. 1 aller Kräfte dieser Erde ist. Nichts wissen können, nur glauben und vertrauen können und darin alle seine Kräfte großherzig in die Waagschale seines Zieles werfen, das ist persönlicher Einsatz!

Und das ist es, was uns neben den Süßigkeiten in unserer Schultüte hilft, den Ereignissen bitterer Stunden zu begegnen.

Die Lupe habe ich in die Schultüte gegeben, um auch die kleinen Dinge des Lebens zu sehen und zu achten...

Zum Beispiel die kleinen Dinge, die sich hinter der Frage verbergen, wie schnell ich im Leben vorankomme.

Dazu eine kleine Geschichte:

Ein junger Mann wollte nach Hinterbeutelsdorf und musste dabei durch den Wald. Als er so des Weges ging, kam er auf eine Lichtung. Dort war ein Blockhaus und ein alter Mann saß davor und versuchte, mittels eines Beiles, Holz zu zerkleinern. Der junge Mann lief hin und fragte den alten Mann: "Sag, alter Mann, wie lange brauche ich nach Hinterbeutelsdorf?" Der alte Mann zeigte keine Reaktion. Ein zweites Mal, schon etwas lauter, fragte der junge Mann: "Mein Herr, wie lange brauche ich nach Hinterbeutelsdorf?" Wieder keine Reaktion. Ein drittes Mal, jetzt schon lautstark, der junge Mann: "Bitte, alter Mann, wie lange brauche ich nach Hinterbeutelsdorf?"

Der alte Mann, ohne jegliche Reaktion, hackte weiter Holz. Verärgert dreht sich der junge Mann um und springt von dannen. Kaum rennt er ein paar Meter, schreit ihm der alte Mann hinterher: "Noch zehn Minuten!" Wie vom Blitz getroffen, bleibt der junge Mann stehen, dreht sich um und läuft zu dem Alten zurück. "Sag, alter Mann, vorhin habe ich dich dreimal gefragt, wie lange ich nach Hinterbeutelsdorf brauche, und dreimal keine Reaktion von dir! Wieso?" Verschmitzt schaut ihn der Alte an und meint: "Mein Lieber, vorhin als du vor mir standest, selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte es dir nicht sagen können, einfach deswegen: ich habe nicht gesehen, wie schnell du läufst"

Versucht, sie zu sehen: die kleinen Dinge des Lebens, liebe Schülerinnen und Schüler, ob mit oder ohne Lupe...

Ein Radiergummi, damit Euch stets bewusst bleibt, dass man vergessen und immer wieder neu anfangen kann...

Dazu fällt mir eine Seite aus dem Geschichtsbuch ein. Der größte amerikanische Politiker Abraham Lincoln stand mit Misserfolgen sein Leben lang auf vertrautem Fuß. Er verlor acht Wahlen, ging zweimal als Geschäftsmann Pleite und erlitt einen Nervenzusammenbruch. Doch sein Radiergummi löschte jeden Misserfolg aus und er begann immer wieder neu. Und dieser Weg zum Erfolg sah folgendermaßen aus:

Bei den Zahlen stockt einem schon der Atem...

1831 - Geschäftlicher Misserfolg

1832 - Niederlage bei den Wahlen für die Legislative

1833 - zweiter misslungener Versuch als Geschäftsmann

1836 - Nervenzusammenbruch

1838 - Niederlage b. der Wahl zum Vorsitzenden des Repräsentantenhauses

1840 - Niederlage als Wahlmann

1843 - Niederlage bei den Wahlen zum Kongress

1848 - Niederlage bei den Wahlen zum Kongress

1855 - Niederlage bei den Wahlen zum Senat

1856 - Niederlage bei der Wahl zum Vizepräsident

1858 - Niederlage bei den Wahlen zum Senat

1860 - Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Abraham Lincoln war ein Kämpfer, der nie zu kämpfen aufhörte, trotz häufig misslungener Versuche, die jeden anderen zerschmettert hätten. Er kämpfte einfach weiter, bis er gewann! Abraham Lincoln wurde zur amerikanischen Legende - er gilt er als Symbol für die Einheit der Nation, für die demokratischen Traditionen und für die Sklavenbefreiung. „Staatskunst ist die kluge Anwendung persönlicher Niedertracht für das Allgemeinwohl", sagte Lincoln einmal.

Und nun noch die farbigen Stifte, weil ihr die bunte Fülle der Welt erfahren sollt. Dazu fällt mir ein Bild ein, das sich auf unser Leben und unser menschliches Miteinander bezieht. Ich mag dieses Bild und ich möchte es euch abschließend mitgeben:

Es war einmal ein kleiner Fisch. Dieser lebte im großen weiten Meer. Immer wenn die Sonne auf den kleinen Freund schien, glänzten seine farbigen Schuppen als ob sie aus purem Gold geschaffen wurden. Die anderen Fische wurden ganz neidisch. Unser kleiner Fisch wurde ganz traurig, weil die anderen Fische nicht mehr mit ihm befreundet sein wollten. Doch da kam er auf die Idee, jedem seiner Freunde, eine seiner goldenen Schuppen zu schenken. Alle seine Freunde waren nun glücklich ! Unser kleiner Held hatte nun zwar auch nur noch eine einzige goldene Schuppe, aber er war nicht mehr alleine. Nach einem Jahr waren alle seine Schuppen nachgewachsen. Er strahlte und blitzte farbiger schöner als jemals zuvor.

Der kleine Fisch mit all seinen Freunden schwamm wieder durchs blaue Meer, direkt der Sonne entgegen.

Ich wünsche Euch Mut und Kraft zum Gestalten Eures Lebensbildes, sei es in der nun anstehenden Berufsausbildung, sei es beim Lernen an einer weiterführenden Schule, sei es im Miteinander von Menschen, die Euch geleiten werden. Ich wünsche Euch, dass Ihr wie Albert Schweitzer, der über die Freiheit nachdachte eines Tages sagen und empfinden könnt:

Ich habe gelernt, selbst für mich zu denken und zu handeln, der Welt gerade ins Gesicht zu sehen und zu bekennen: Dies ist mein Werk!


Juli 2004

Im Musikunterricht der Klasse 5b, die sich hier eben präsentierte, dachte ich über ein Phänomen nach, dessen Umsetzung in die Lebenswirklichkeit durch Musik unterstützt und manchmal sogar getragen werden kann.

Wir haben - wie immer - im Unterricht gesungen - wir haben über die Liedtexte gesprochen - und wir haben uns gefragt, warum das einem Evergreen gleichende Lied, das von uns erarbeitet wurde, so viele Jahrzehnte beliebt bleibt und noch heute bekannt ist wie am ersten Tag.

Es überdauerte die lange Zeit, weil es von diesem Phänomen, das Toleranz bzw. Intolerenz heißt, überhaupt nicht berührt, geschweige denn beeinflusst werden kann.

Den Beweis der fortdauernden Beliebtheit werden wir am Schluss meiner Gedanken erbringen und das Lied für euch, liebe Schülerinnen und Schüler und für Sie alle musizieren.

Ja - es ist die Toleranz - oder genauer gesagt: die Intoleranz, die über das Schicksal einiger junger Menschen entschied, die aber trotz allem in ihrer Musik bis heute weiterleben.

Angefangen hatte alles mit einer winzigen Zeitungsanzeige, die der gerade volljährig gewordene Harry Frommermann am 18.12.1927 im Berliner Lokal-Anzeiger aufgab. Der junge Mann hatte keine akademische Gesangs- und Musikausbildung; er wollte aber ein musikalisches Männersextett zusammenstellen, mit dem er seine sehr anspruchsvollen, aber erfolgversprechenden Arrangements umsetzen und der Öffentlichkeit präsentieren konnte.

Er fand sie, die weiteren Mitglieder des von ihm erträumten Ensembles, das sich auch bald einen Namen gab: die Comedian Harmonists.

Die steile Karriere sei im Folgenden kurz skizziert:

Zu Beginn waren sie nur eine von mehreren Revuenummern eines Abends. Mit Grammophonplatten, Rundfunkauftritten und schließlich einer abendfüllenden Konzerttournee erhöhten sie aber ihren Bekanntheitsgrad. Endlich starteten sie eine eigene Tournee im Januar 1930 in Leipzig.

Sie war ein riesiger Erfolg.

Nun verdienten sie inzwischen als gefeierte Stars Riesensummen und lebten dementsprechend auf großem Fuß.

Selbst in der Berliner Philharmonie durften sie auftreten.

Dass dort Unterhaltungsmusik gegeben wurde, muss als eine Sensation ersten Ranges empfunden worden sein, vor der den Harmonists die Knie zitterten. Aber das konservative Musikpublikum schien mit dieser "Entweihung" gar keine Schwierigkeiten gehabt zu haben. 2700 Besucher applaudierten enthusiastisch. Das war gewissermaßen der Ritterschlag, denn von nun an galten die Konzerte der Gruppe als Kunst, d.h. es musste von den Einnahmen keine Vergnügungssteuer mehr abgeführt werden.

Bis zur Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 zogen sie von einem zum andern Erfolg.

Nun waren aber drei der sechs Mitglieder der Comedian Harmonists Juden.

Unter den Nationalsozialisten kam es nicht sofort zu Änderungen, aber bereits 1933 wurden erste vertraglich vereinbarte Konzerte abgesagt. Selbst die UFA machte bei Filmaufnahmen keine Ausnahmen und unterband den Auftritt von Juden, gemäss den Verordnungen der Reichskulturkammer.

Goebbels machte am 5. März 1934 unmissverständlich klar, dass Juden nicht Kammermitglied werden und deshalb nicht mehr öffentlich auftreten durften. Bei Auftritten wurden die Comedian Harmonists angepöbelt bzw. die Konzerte wurden gleich abgesagt.

Ist es nicht schon an dieser Stelle angebracht, über die Frage der Toleranz und Intoleranz nachzudenken ?

Warum musste es zu einem letzten Auftritt mit dem Lied "Auf Wiedersehen, My Dear" und zum Abschied von Deutschland kommen, da sie de facto mit einem Auftrittsverbot belegt waren ?

Drei Mitglieder waren Juden...

Toleranz - Ertragen, Erdulden - wurde als Begriff gebräuchlich für die von der Obrigkeit verordnete Haltung gegenüber Einwanderergruppen mit anderen volkseigentümlichen oder religiösen Zugehörigkeiten.

Toleranz war eine letztendlich nützliche Großzügigkeit, von der Duldende und Geduldete profitieren sollten.

Aber von dieser Großzügigkeit konnten diese drei Künstler nicht profitieren.

Sie interessierten sich nicht für Politik und hielten sich wohl auch für so populär, dass sie ohnehin keine Befürchtungen für sich selbst hegten. Vielleicht hofften sie wie viele, dass der Spuk rasch vorübergehen würde. Jedenfalls haben sie anfangs wohl die direkten Auswirkungen der Zeit nicht deutlich genug wahrgenommen.

Dann aber musste jeder die Mitgliedschaft in der Reichsmusikkammer beantragt haben, wenn er auf deutschen Bühnen Musik darbieten wollte. Paragraph 10 regelte, wodurch man von der Mitgliedschaft ausgeschlossen werden konnte. Es hieß dort: "...wenn Tatsachen vorliegen, aus denen sich ergibt, dass die in Frage kommende Person, die für die Ausübung ihrer Tätigkeit erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung nicht besitzt." Es gab keinen Zweifel, wie das zu verstehen war, und es wurde verstanden. Juden konnten nicht Mitglieder in den Kammern werden. Um auch wirklich das letzte Mißverständnis zu beseitigen, erklärte Goebbels am 5. März 1934 in aller Deutlichkeit und Ausführlichkeit, dass

1. nur auftreten durfte, wer Kammermitglied war, und

2. Juden definitiv nicht Kammermitglied werden konnten.

Auch hier halte ich inne und denke über dieses Toleranzverständnis nach:

Die Mitgliedstaaten der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation verabschieden und proklamieren feierlich bei der UNESCO-Generalkonferenz in Paris im Oktober und November 1995 eine Erklärung von Prinzipien der Toleranz.

Entschlossen, alle positiven Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um den Gedanken der Toleranz in unseren Gesellschaften zu verbreiten - denn Toleranz ist eine notwendige Voraussetzung für den Frieden und für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung aller Völker, erklären sie:

"Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt. Gefördert wird sie durch Wissen, Offenheit, Kommunikation und durch Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens. Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden."

Das war erst vor 9 Jahren, liebe Schülerinnen und Schüler, ihr besuchtet bereits die Grundschulen, als es offensichtlich auch in unserer Gegenwart immer noch die Notwendigkeit gab, über Toleranz nachzudenken.

"Bildung ist das wirksamste Mittel gegen Intoleranz." heißt es an gleicher Stelle.

Der erste Schritt bei der Vermittlung von Toleranz ist die Unterrichtung des einzelnen Menschen über seine Rechte und Freiheiten.

Erziehung zur Toleranz gehört zu den vordringlichsten Bildungszielen.

Erziehung zur Toleranz soll sich bemühen, das Entstehen von Angst vor anderen zu verhindern. Sie soll jungen Menschen bei der Ausbildung ihrer Fähigkeit zur unabhängigen Wertung, zum kritischen Denken und zur moralischen Urteilskraft helfen.

Wir, die wir uns entschlossen haben, für euch und eure Kinder an der Umsetzung der Bildungsziele mitzuwirken, wollen uns zur Unterstützung und zur Gestaltung von Lehrplänen zu den Themen Toleranz, Menschenrechte und Gewaltlosigkeit verpflichten.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen deshalb die Verbesserung der Lehrerausbildung, der Lehrpläne, der Unterrichtsinhalte und Lehrbücher sowie anderer Lehrmaterialien einschließlich der neuen Unterrichtstechnologien.

Ziel ist die Ausbildung solidarisch und verantwortlich denkender Bürger, die offen sind für andere Kulturen, die den Wert der Freiheit schätzen, die die Menschenwürde ebenso wie zwischenmenschliche Unterschiede achten und die in der Lage sind, Konflikte zu vermeiden oder sie gewaltfrei zu lösen.

Welche Ziele...!

Was sich in der Vergangenheit im Lichte der Intoleranz ereignet hat, darf sich nicht wiederholen; was sich immer noch in der Gegenwart zeigt, muss beendet werden.

Wir alle können dazu einen Beitrag leisten.

Und wie steht es mit der Toleranz ganz unter uns ?

Mit einer heiteren Note möchte ich meine Gedankengänge beenden - manchmal verbirgt sich im spielerischen Wortgefüge ein noch tieferer Sinn...

Ich fand einige Verse zur Toleranz, die die Brücke zurück zum Ausgangspunkt bilden können, die uns wieder die Rückschau zu den Comedian Harmonists gestatten, diesen humorvollen Künstlern, die mit der Toleranz aus ihrer Sicht sicher kaum Probleme hatten.

Wer duldsam und mit weichem Herz, nachsichtig auch bei großem Schmerz,

der ist, so sagt der Duden klar, sehr tolerant! Das ist doch wahr !

Das Lexikon geht nämlich weiter und schildert wie auf einer Leiter,

zunächst die technischen Begriffe. Zum Beispiel wie auf einem Schiffe

man es wie weit beladen kann, bevor zu sinken es begann.

Bei Maß, Gewicht, bei Loch und Rohr, da kommen Toleranzen vor.

Es ist der Grenzwert, dieses Maß, für Ingenieure gar kein Spaß,

wenn eine Brücke mit Bedacht, beladen wird, bis sie dann kracht.

 

Und auch für Menschen kann das passen: sie ärgern sich, bis sie sich hassen;

aus der früh´ren Duldsamkeit entsteht nun Haß und Zank und Streit.

Die Toleranz ist dann vergessen, man ist nur noch darauf versessen,

wie man sein Mütchen kühlen kann ..... und bald danach schämt man sich dann.

Ihr seht: empfindlich ist das Streben, nach Toleranz... sensibel eben.

 

Liebe Schülerinnen und Schüler, ich wünsche Euch im künftigen Umgang mit Euren Mitmenschen stets die Kraft, tolerant zu sein - und möget Ihr immer toleranten Menschen begegnen!

Dass es trotz politischer und kultureller Intoleranz Dinge gibt, die alle Zeiten überleben, zeigen euch die Schülerinnen und Schüler der Klasse 5b, die nun eine uns allen bekannte charmante und spritzige Melodie der Comedian Harmonists vortragen: "Mein kleiner grüner Kaktus..."

* * *

Anmerkung: vergleiche auch:

"Toleranz ist keine frohe Botschaft" von Dierk Lorenz und "Gedanken zur Toleranz - Ein Thema aus dem Leben - von Otto Röhler - VTF-Post - 1.2004


Juli 2003

Wie war zu Köln es doch vordem

Mit Heinzelmännchen so bequem!

Denn, war man faul, man legte sich

Hin auf die Bank und pflegte sich:

Da kamen bei Nacht,

Ehe man´s gedacht,

Die Männlein und schwärmten

Und klappten und lärmten,

Und rupften

Und zupften,

Und hüpften und trabten

Und putzten und schabten

Und eh ein Faulpelz noch erwacht,

War all sein Tagewerk - bereits gemacht!

Viel wird von Heinzelmännchen geschrieben und erzählt. Laut Brockhaus sind es kleine Gestalten wie Wichtelmänner. Sie wohnen, laut Lexikon, unter der Erde und hüten dort ungeheure Schätze. Man kennt sechs verschiedene Arten. Es gibt: das Bauernhofheinzelmännchen, das sibirische Heinzelmännchen, das Gartenheinzelmännchen, das Dünenheinzelmännchen, das Hausheinzelmännchen und das Waldheinzelmännchen. In früheren Jahren war der Butzemann, wie das Heinzelmännchen einst genannt wurde, ein Mitglied der Gesellschaft. Jedes Kind, jeder Erwachsene hatte mit ihm regelmäßigen Kontakt. Das Heinzelmännchen bestrafte, belohnte, quälte oder unterstütze sie. Warum deren Anzahl plötzlich so rapid abnahm, darüber schweigt die Wissenschaft. Manche Forscher geben der Umweltzerstörung die Schuld, andere sprechen von einer unerklärlichen Seuche. Tatsache ist, dass die Heinzelmännchen sehr selten geworden sind oder einfach nur den Umgang mit den Menschen meiden.Somit ging auch das Wissen um die Männchen immer mehr verloren. Überliefert hat sich nur die Größe, das Alter und, interessanterweise, das Gewicht. Heinzelmänner und auch Heinzelfrauen werden bis zu 15 Zentimeter groß und können an die 400 Jahre alt werden. Durch die Zipfelmütze, die noch einmal sieben Zentimeter misst, erreicht der kleine Mann, die kleine Frau beachtliche 22 Zentimeter. Im Gewicht unterscheiden sie sich doch. Das Männchen wird bis zu 300 Gramm schwer. Heinzelfrauen wiegen dagegen nur 250 bis 275 Gramm!

Wer kennt nicht den Stoßseufzer: "Jetzt könnte ich ein Heinzelmännchen gebrauchen!" oder die schalkhafte Ausrede: "Das müssen wohl die Heinzelmännchen gewesen sein!" ?

Wer von euch, liebe Schülerinnen und Schüler, hat nicht in mancher Klassenarbeit die Heinzelmännchen herbeigesehnt, die die richtige Lösung, die erwünschte Formulierung oder die rettende Idee mitbringen, um bei der Abgabe der Arbeit sicher sein zu können, mindestens ein "Gut" oder gar ein "Sehr gut" zu erhalten...

Zurück zu den "Heinzelmännchen zu Köln"...

August Kopisch, der übrigens vor genau 150 Jahren starb, schuf mit diesem Gedicht ein Werk, dessen Kenntnis zum Allgemeinwissen gehört und das auch im Zeitalter der modernen Medien die emotionale Bindung an Heimatraum und Geschichte deutlich macht.

Die "Heinzelmännchen zu Köln" werden als biedermeierliche Ballade spezifiziert.

Die Heinzelmännchen sind emsig, eifrig, unauffällig, gefällig. Sie verfügen über biedermeierliche Tugenden. Überall legen sie Hand an, kennen sich in jedem Metier aus - vom Handwerk der Zimmerleute, des Bäckers, des Fleischers über den Winzer bis hin zum Schneiderhandwerk.

Alle Menschen können sich dem Schlaf hingeben, die Arbeit erledigt sich - dank der Heinzelmännchen - wie von selbst.

Beim Bäckermeister war nicht Not,

die Heinzelmännchen backten Brot.

Die faulen Burschen legten sich,

die Heinzelmännchen regten sich;

und ächzten daher

mit den Säcken schwer!

und kneteten tüchtig

und wogen es richtig

und hoben und schoben

und fegten und backten

und klopften und hackten.

die Burschen schnarchten noch im Chor:

da rückte schon das Brot, das neue, vor!

 

Leider wird der paradiesische, dem Schlaraffenland ähnliche Zustand nachhaltig durch die Neugier der Schneidersfrau zerstört:

 

Neugierig war des Schneiders Weib,

Und macht sich diesen Zeitvertreib:

Streut Erbsen hin die andre Nacht,

Die Heinzelmännchen kommen sacht:

Eins fährt nun aus,

Schlägt hin im Haus,

Die gleiten von Stufen

Und plumpen in Kufen,

Die fallen

Mit Schallen,

Die lärmen und schreien

Und vermaledeien!

Sie springt hinunter auf den Schall

Mit Licht: husch husch husch husch! - verschwinden all!

 

Der Verrat trifft um so härter, weil doch gerade dem Schneider "im Schlaf", "über Nacht" aus der allergrößten Not geholfen wurde.

Die Autorin Margit Wolter bringt die Sage mit der bewussten Wahrnehmung des Textaufbaus, mit dem gestalteten Sprechen des sprachspielerischen Textes an den Gedanken um das kritische Bedenken der Thematik "Arbeit und Arbeitswelt", "Mühsal der Arbeit" und auch "Freude an der Arbeit".

Das gefiel mir - und ich möchte dieses Bedenken ein wenig aufgreifen:

Die Arbeitswelt ändert sich dramatisch. Kein Stein bleibt bei diesem Umbruch auf dem anderen. Das Verhältnis zwischen Schule und Arbeitswelt ist davon ebenfalls betroffen. Unsere schulischen Bemühungen zur beruflichen Orientierung unserer Schülerinnen und Schüler sind zwar sehr um-fangreich, die schulische Sozialisation und das Gelernte garantieren aber nicht immer hundertprozentig den Anschluß an die Arbeitswelt.

Dagegen müssen wir weiterhin zu all dem, was wir schon anbieten können, etwas tun.

Wir, eure Lehrerinnen und Lehrer, liebe Schülerinnen und Schüler, die Bildungspolitk und natürlich auch der Arbeitsmarkt.

Oft sind Schulabgänger die Leidtragenden dieser Problematik. Viele von ihnen stürzen mit dem Verlassen der Schule in ein schwarzes Loch. Unsicherheit, Frust, Orientierungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, gepaart mit Überforderung machen sich unter ihnen breit.

Auch dagegen müssen wir verstärkt vorgehen...

Eine Schülerin formulierte einmal: "Viele scheitern an ihrer Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen oder Ziele überhaupt zu formulieren. Zu lange haben sie nur das getan, was andere von ihnen verlangten. Wichtig waren während unserer gesamten Schulzeit nur die nackten Ziffern, die das Zeugnis zu einem Türöffner ins nächste Jahr machten..."

Schülerinnen und Schüler und Schulabgängerinnen und Schulabgängern sollten wir ein noch größeres Verständnis von der Arbeitswelt vermitteln können, in die sie über kurz oder lang entlassen werden. Unsere Schule sollte noch umfangreicher dafür Sorge tragen können, dass Schülerinnen und Schüler über die Umbrüche in der Arbeitswelt, die Veränderung der Beschäftigungsverhältnisse, die Veränderung der Arbeitsinhalte- und anforderungen informiert und in die Lage versetzt werden, sich damit auseinandersetzen zu können.

Die ausbildenden Unternehmen stellen zu Recht Ansprüche an die Schulabgänger, schließlich strebt ein Großteil der Schulabgänger eine Berufsausbildung in Betrieben an.

Zwar kann die Schule nicht für alle gesellschaftliche Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht werden, aber sie muss diesen soweit wie möglich entgegenwirken.

Was die Schule leisten kann und soll, wird kontrovers diskutiert. Dennoch gibt es Mindeststandards des Wissens, der Persönlichkeitsentwicklung und der Gemeinschaftsfähigkeit, über die sich die Verantwortlichen und Betroffenen verständigen müssen und können. Anknüpfend an die Pisastudie kann hierzu festgehalten werden: Je höher die Standards sind, die in der Region Konsens finden, desto besser steht diese da.

Eine im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeit durchgeführte empirische Untersuchung bei Schulabgängern unterschiedlicher Schularten hat ergeben, dass das Thema Beruf bei Realschülern den höchsten Stellenwert unter den individuellen Lebenszielen hat. Nach dieser Studie fühlen sie sich subjektiv gut auf das Arbeitsleben vorbereitet. Andererseits brechen rund 25% der Auszubildenden vorzeitig die Lehre ab oder wechseln Beruf oder Betrieb. Daraus lässt sich ableiten, dass die Heranführung an die Berufs- und Arbeitswelt noch weiter verbessert werden muss.

Im Bildungsplan der Realschule wird die Berufsorientierung als "wichtigen Teil des Erziehungs- und Bildungsauftrags" gesehen, der "die Schülerinnen und Schüler auf die Anforderungen der Berufs- und Arbeitswelt mit ihren unterschiedlichen Aufgaben und Entwicklungen" vorbereiten soll.

Das Thema bildet eines der aktuellsten Innovationsfelder der Realschule und sollte folgende Bausteine beinhalten:

1. noch aktiverer Austausch zwischen Realschulen und örtlichen Betrieben

2. regionale Kooperation und Partnerschaften zwischen der Realschule und örtlichen Betrieben

3. Einbindung der Arbeitsverwaltung &endash; neue Medien, neue Berufsbilder

4. Einbindung ehemaliger Realschüler, die in Ausbildung stehen

5. Lehrerbetriebspraktika und

6. die Lehrerqualifizierung

In der Ausbildung der Lehrer aller allgemeinbildenden Schulen sollte ein mehrmonatiges Praktikum in einem oder mehreren Betrieben der Wirtschaft als Voraussetzung für den Studienabschluss zu verankern sein.

Die Fortbildung der Lehrkräfte an den allgemeinbildenden Schulen muss über den fächerbezogenen Bereich hinaus die ständige Verbindung zur Berufs- und Arbeitswelt der Wirtschaft sicherstellen. Dazu sollte die Fortbildung auch in Verbindung mit Betrieben und Unternehmen erfolgen, damit die Lehrkräfte der allgemein bildenden Schulen verstärkt Kontakt zum Arbeitsleben und wirtschaftlichen Geschehen erhalten können.

Ob mit all diesen guten Vorsätzen der Fehler der Schneidersfrau von damals, als die Heinzelmännchen verschwanden wieder gut gemacht werden könnte ?

Leider blieb es doch bei dem betrüblichen Ende:

O weh! nun sind sie alle fort

Und keines ist mehr hier am Ort!

Man kann nicht mehr wie sonsten ruhn,

Man muß nun alles selber tun!

Ein jeder muß fein

Selbst fleißig sein,

Und kratzen und schaben

Und rennen und traben

Und schniegeln

Und biegeln,

Und klopfen und hacken

Und kochen und backen.

 

Euch, liebe Schülerinnen und Schüler wünsche ich dabei Mut, Kraft und natürlich Erfolg!

Nehmt die Schlusszeilen des Gedichtes zum Anlass, euch eure Arbeitswelt selbst und eigenverantwortlich zu erschließen.

Wenn es dort auch heißt:

Ach, dass es noch wie damals wär!

Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her!

So möchte ich doch im Namen unseres Kollegiums sagen:

Es gibt wieder schöne Zeiten - wenn auch anders strukturierte...

Euch allen die besten Wünsche !


Juli 2002

Wir kamen, sahen, siegten...

Veni, vidi, vici...

Die Worte des Siegertyps Julius Cäsar nach einem Sieg im Jahr 47 v.Chr.

Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler kamt vor sechs Jahren, sahet die Chance, das Fundament für eure Zukunft zu schaffen, setztet euch ein und siegtet.

Ihr besiegtet auch - wenigstens im Augenblick dieser Feierstunde - ein belastendes Gefühl, das uns in den lezten Monaten begleitete und PISA heißt.

Ist es nicht ein fantastischer Zufall, dass die Abkürzung von "Programme for International Student Assessment" das schöne Wort PISA ergibt, das uns gedanklich an einen Ort versetzt, der ununterbrochen Tausende von Touristen anlockt, die die Folge eines Intelligenzfehlers bestaunen, der bereits im Jahre 1173 stattfand ?

Dieser Zufall zwingt uns doch nahezu , mit dem Wort PISA ein wenig zu spielen...

Ein schlechtes Ergebnis also einer ersten PISA-Studie in Pisa vor nunmehr bereits 829 Jahren ?

Hat da nicht bei der Grundsteinlegung des Turmes von Pisa ein Spötter gemeint: "Wird schon schiefgehen..." ?

Hätte der Dombaumeister Bonnanus bei seiner Planung nicht berücksichtigen müssen, dass ein Teil des Fundamentes auf einem zugeschütteten Kanal stand ?

Hat jene PISA-Studie in Pisa wie die heutige länderübergreifende nicht auch eigentlich wenig Wissen, dafür genaues Lesen und eher pfiffiges Nachdenken verlangt ?

Und doch hatte dieses Ereignis in Pisa seinen guten Sinn, der uns Grund zur Hoffnung gibt:

Die Katastrophe ereignete sich nicht.

Bis zum Jahr 1989, als der Turm wegen Einsturzgefahr geschlossen wurde, konnte er von Touristen sogar gefahrlos bestiegen werden.

Und dann folgte eine Wiedergutmachung des schlechten Abschneidens der PISA-Studie in Pisa, denn ein Institut in Deutschland, dem Land, in dem nun ein schlechtes Abschneiden der PISA-Studie offenbar wird, wurde mit der Nachrechnung der Neigung des Turmes beauftragt.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fingen an, nachzudenken und siehe - sie stellten die Stabilität des Turmes sicher, so dass dieser für die Öffentlichkeit wieder zugänglich wurde.

Also ein grandioses Ergebnis der PISA-Studie in Pisa...

Und sie hatte noch ein Gutes:

Galilei führte der Überlieferung zufolge am Turm zu Pisa seine berühmten Versuche zur Fallgeschwindigkeit durch...

Das muss doch zu denken geben und Hoffnung machen, dass das schlechte Abschneiden einer PISA-Studie Impulse zu Intelligenz-Höchstleistungen gibt.

Ihr seid es, liebe Schülerinnen und Schüler, die nun daran mitwirken können, den schiefen Turm, der ja inzwischen in Deutschland stehen soll, wieder aufzurichten.

In den Ergebnissen Eurer Schulabschlüsse, die Ihr mit dem heutigen Tag erreicht habt, steckt ein gutes Stück Beweis, dass Ihr nicht unbedingt unter die PISA-Opfer fallt, sondern in der Lage sein werdet, dazu beizutragen, "dass Bildung angesichts der großen Herausforderungen wieder auf die Tagesordnung muss".

So sagte es Bundespräsident Johannes Rau beim Abschlusskongress des Forum Bildung im Januar dieses Jahres.

Und er forderte, dass Bildung nicht nur "auf die Tagesordnung derer kommt, die reden und schreiben, sondern auch auf die Tagesordnung derer, die entscheiden und handeln."

Ich möchte Euch von Herzen ermuntern, dazu beizutragen und denen, die entscheiden und handeln, zu helfen.

Wir sind uns einig: Es herrscht Bildungsnotstand.

Da darf man zustimmen, allerdings mit einer kritischen Bemerkung. Was in den Fragen von PISA geprüft wurde, ist nur ein schmaler, wenn auch wichtiger Ausschnitt von dem, was wir uns von Bildung erhoffen.

Wie war das doch mit den verschiedenen Intelligenzen?

Phantasie und poetische Träume haben bei den Testaufgaben nichts zu suchen. Was emotional, für die moralische Entwicklung unserer Schülerinnen und Schüler durch guten Unterricht entstehen kann, bleibt außerhalb des Interesses der PISA-Studie.

Skepsis muss sich einstellen, wenn Politiker, Bildungspolitiker, rasch zur Stelle waren, als es darum ging zu zeigen, dass man die Lösungen für die Probleme schon lange in der Tasche hat:

War das nicht schon alles einmal in den 70er-Jahren ?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

nicht alles Bessere ist auch das Gute. Ein Blick in die Bildungssysteme einiger Länder, die bei den Tests gut oder sehr gut abschnitten, lehrt: Nicht alles, was glänzt, ist gut. Wer möchte etwa Schulsysteme übernehmen mit sozialen Problemen, die die Schüler dort haben, mit dem gewaltigen Leistungs- und Selektionsdruck - nur um bei PISA besser abzuschneiden?

Ich plädiere für einen anderen Umgang mit der Problematik, die sich an PISA festmacht.

Jetzt starrt man auf die besseren Ergebnisse der anderen und fragt mit einem gewissen Recht: Warum sind wir schlechter? Wie werden wir besser?

Ich folge den Fragestellungen von Wenzel Götte:

Die Konkurrenz als einziger Zielgeber ?

Wo bleiben die Jugendlichen selbst, ihre Bedürfnisse, ihr Recht auf Entfaltung der in ihnen liegenden Möglichkeiten? Ist Schule wirklich nur dazu da, um solche Qualifikationen für den Konkurrenzkampf zu züchten ?

Nein; die Kinder sollen ihre Neugier, ihre Begeisterung, dieses unschätzbare Medium der "Vorfreude auf sich selbst" *), in den Lernvorgang hinein tragen.

Nicht der Wettbewerb um die bessere pädagogische Qualität, liebe Eltern, sondern der unfaire Wettbewerb um den zu knappen Lehrernachwuchs in unseren Schulen ist es, den wir auch noch als Rennen mit finanziellen Fußfesseln antreten müssen.

Der schiefstehende Bildungsturm in Deutschland und die jungen Menschen in ihm werden nur dann wieder aufrecht stehen können, wenn pädagogische Vielfalt in das Schulwesen unseres Landes einzieht. Viele, an der Schulwirklichkeit vorbei gedachte Lösungsmöglichkeiten - etwa aufgewärmte Debatten aus den 70ern - könnten die Schräglage nur vergrößern.

Euch, liebe Schülerinnen und Schüler, wünsche ich ein bedachtsames Vorgehen in Eurer Zukunft - ich tue das mit einem Gedicht über den klugen Raben Roderich von Hans Henry Harders als eine aktuelle Anmerkung zur Pisa-Studie.....

  • Es badeten mit viel Geschrei
  • die Spatzen sich im Pfuhle;
  • nur einer war nicht mit dabei,
  • der sprach: "Ich muss zur Schule..."
  • Die Spatzenmütter riefen nun:
  • "Im Lernen seid ihr schwach,
  • ihr andern solltet Gleiches tun -
  • fliegt auf und folgt ihm nach!"
  • Man sah darauf die Spatzenschar
  • ganz kleinlaut sich entfernen,
  • nach dorthin, wo die Schule war,
  • um gleichfalls viel zu lernen.
  • Doch wie´s so oft im Leben geht,
  • es trog auch hier der Schein -
  • es rief der Spatz: "Gespielen seht!
  • Wir treffen pünktlich ein!"
  • Die Spatzen fragten ihn nun kläglich:
  • "Ist denn das Lernen schwer?"
  • "Ich weiß nicht", rief er, "ich flieg täglich
  • ja nur zur Pause her!"
  • Der Rabe sprach: "Aus welchem Grunde -
  • das braucht er nicht zu sagen,
  • er kaut bereits mit vollem Munde
  • und stopft sich voll den Magen.
  • Doch wer, wie er, zur Schule eilt,
  • um nur zu essen und zu schwatzen,
  • dem sage ich hier unverweilt,
  • es geht ihm wie den Spatzen!
  • Die lassen durch den Sonnenschein
  • zum Nichtstun sich verlocken
  • und müssen dann noch dankbar sein
  • für kleine Krümelbrocken!"
 * * *

*) vergleiche auch: Peter Sloterdijk "Lernen ist Vorfreude auf sich selbst." Peter Sloterdijk im Gespräch mit Reinhard Kahl über den Abschied vom Ernstfall und die Entprofessionalisierung der Schule. In: Pädagogik, H. 12, Dez. 2001, S. 40-45.

Zur Homepage von Thomas Winter